Flaschenkind Lizzy tollt mit Wombat Apari

Pfleger zogen Bennett-Känguruh in der Wohnung groß
Wenn Lizzy mit Wombatnachwuchs Apari auf der Anlage tollt, geht’s manchmal recht ruppig zu. Apari nimmt seinen ungleichen Spielpartner nicht ganz ernst. Dabei ist der Bennett-Känguruh-Nachwuchs sprungtechnisch seinem ungleichen Partner überlegen. Das zierliche Jungtier verdankt sein Leben dem Einsatz der Tierpfleger. Die vermuten, dass das Muttertier nach einem nächtlichen Fuchsbesuch in eine Art Stockstarre fiel. „Wir mussten Lizzy aus dem Beutel holen, um ihr Leben zu retten“, erinnert sich Revierleiter Mario Chindemi. Schließlich erholte sich die Mutter nicht mehr von dem nächtlichen Schock und musste eingeschläfert werden. „Mir war von Anfang an klar, dass ich versuchen werde, dass Jungtier zu retten“, sagt der erfahrene Tierpfleger: „Wenn Tiere in unserer Obhut sind, ist es unsere Pflicht einzugreifen, um das Leben des Tieres zu erhalten.“

Nächtlicher Bettpartner
Der engagierte Pfleger nahm das Tier mit nach Hause, trug seinen Schützling auch nachts eng am Körper, um Geborgenheit und Wärme der Mutter zu ersetzen. Lizzy rollte sich zusammen, suchte Kontakt, Nähe und Sicherheit. Der winzige Bettpartner merkte, dass er nicht allein war und im Pfleger eine Ersatzmutter gefunden hatte. Alle zwei Stunden versorgte der 54-Jährige die Kleine mit Milch. Zunächst waren es fünf bis sechs ml, dann zehn und schließlich 20 ml. Die Nächte waren für Mario Chindemi extrem kurz: „Die Kleine war ständig in Bewegung, stellte allen möglichen Unfug an.“ Normalerweise spürt ein Känguruh-Baby bis zu acht Monate lang die Geborgenheit in Mamas Beutel. Die Versorgung mit Muttermilch kann bis eineinhalb Jahre dauern.

Wohnung im Ersatzbeutel
Wie nun kann der Nachwuchs so aufgezogen werden, dass er seine natürliche Umgebung in Mamas Beutel spürt? Mario Chindemi besorgte sich einen Beutel, der Lizzy Geborgenheit gibt. Der Arbeitsplatz im Koalahaus ist vorübergehend Lizzys Ruhezone. Nach Feierabend nimmt der Pflegevater seinen Schützling mit nach Hause.Die Flasche mit hochkonzentrierter Känguruh-Milch bekommt das muntere Jungtier noch regelmäßig. Doch immer öfter setzt es ihr Ziehvater zusammen mit Kollegin Jeannette Scheiblich auf der Anlage ins Gras, um zu zeigen, was ihm später als Futterquelle dienen wird.

Glückliche Tierpfleger
Auch wenn die ersten Lebensmonate zwangsläufig stark von menschlicher Umgebung und Betreuung geprägt waren, wollen die Tierpfleger Lizzy schnell in die sechsköpfige große Familie mit zwei halbwüchsigen Brüdern integrieren. Das Leben wird für Lizzy einen normalen Verlauf in der Tierfamilie nehmen. Das macht die engagierten Tierpfleger glücklich. Mario Chindemi hat mit seiner Kollegin gerne zahlreiche Nachtschichten eingelegt. Die Anerkennung für den Einsatz spüren die beiden täglich auf der Anlage: „Lizzy lebt und ist gesund, das ist unser Lohn.“

Fossas sorgten für achtfachen Nachwuchs
Wer sich am Kaiserberg Zeit nimmt für ein tierisches Zoo-Vergnügen, wird beeindruckt sein von den Folgen fruchtbaren Zusammenlebens der Tiergemeinschaft. Besucher können zahlreiche Jungtiere in den Kinderstuben der Tiere beobachten. Das Zusammenleben in den verschiedenen Revieren funktioniert, der Zoo kann sich über regelmäßigen jährlichen Nachwuchs freuen.
Besonders aktiv in Sachen Familienplanung waren die Fossas. Diese nur auf Madagaskar heimische  katzenähnliche Raubtierart sorgte im letzten Jahr gleich für achtfachen Nachwuchs. Zwei Weibchen wurden jeweils dreifach Mutter, ein Weibchen gebar Zwillinge. „Keinem Zoo gelang bisher die Aufzucht derart vieler Fossas in einem Jahr“, weiß Kurator Johannes Pfleiderer, der auch vom Kaiserberg aus das Zuchtprogramm für die Art koordiniert. Die noch unerfahrenen Mütter hatten allesamt ihre ersten Würfe, aber kümmern sich liebevoll um ihre Kleinen. Während zwei der Mütter noch hinter den Kulissen ein wachsames Auge auf ihre Schützlinge halten, zeigt sich Weibchen Aladira mit ihren drei Jungtieren bereits in einer Schauanlage. Dort können die Besucher die geschmeidigen Räuber beobachten, insbesondere, wie sie sich, wie unter Geschwistern üblich, bei ausgelassenen Spielen austoben.

Platz auf Mamas Rücken
Nicht immer kann ein Austausch der Ehefrauen erfolgreich verlaufen. Doch bei den Tamanduas, den kleinen Ameisenbären im Rio Negro, klappte es. Das Duisburger Weibchen versuchte sein Glück in Polen, ein gebürtig niederländisches Weibchen zog aus Krefeld in die Nachbarstadt Duisburg. Schon war die Familie im letzten Jahr zu dritt. Das Jungtier nimmt bevorzugt auf dem Rücken von Mama „Persea“ Platz, während Papa „Tiago“ eher den geruhsameren Part genießt. Und dieses Jahr stellte sich bereits der nächste Nachwuchs ein. Auf Flugeinlagen dürfen sich die Besucher im Rio Negro ebenfalls einstellen. Ein „Gelbschulter-amazonen“-Pärchen wird neben fliegerischen Übungen sicherlich auch die gegenseitige Zuneigung nicht vernachlässigen. Die Papageien schmücken sich neben ihrer klassischen Schulter und dem weißgelben Kopf mit einem leuchtend grün bis türkisfarbenem Federkleid.

Apari entwickelt sich prächtig
Wombat-Papa „Milton“ konnte seinen Nachwuchs nicht mehr bewundern. Er starb im Dezember. Das Jungtier „Apari“ – in der Sprache der Aborigenes bedeutet es Vater – wurde erst kurz zuvor entdeckt. In der Obhut von den Tierpflegern entwickelt sich der Rabauke prächtig, nachdem die junge Mama Tinsel den Kleinen nicht mehr in ihre Nähe gelassen hat und das früher, als eigentlich üblich. Die Hoffnungen ruhen nun auf dem älteren Männchen „Barney“ , der im Januar aus Hannover kam und hoffentlich mit einem unserer Weibchen die Duisburger Wombatpopulation bald noch vergrößern wird.
Auf einen Auswärtserfolg setzen die Zoo-Biologen  bei den Baumkängurus. „Nunsi“ zog in den Frankfurter Zoo und soll sich dort in einen Artgenossen verlieben. Mit einem Jungtier im Beutel soll sie hoffentlich als Mutter wieder in ihr Duisburger Revier zurückkehren.

Über eine erfolgreiche Zucht freuen sich alle Zoo-Mitarbeiter auch bei den Bärenstummelaffen. Die Truppe ist mittlerweile auf zehn angewachsen. Damit klettert im Duisburger Gehege ein Viertel aller europäischen Artgenossen. Als Großmutter ist die Zwergflusspferd-Dame „Quirle“ stolz auf ihre Enkelin „Jamina“. Die alte Dame geht bereits auf die 50 zu. Seit Anfang des Jahres ist das Nesthäkchen im Äquatorium an der Seite von Mutter „Ayoka“  und Vater „Atu“ zu sehen.

Tsavo genießt die Frauengesellschaft
Die Hörnchen sprießen bereits beim Wisentkalb „Duneva“, das im Dezember zur Welt kam und die Familiengröße auf ein halbes Dutzend schraubte. Erstmals seit 2014 wächst so wieder ein Sprößling bei den größten europäischen Landsäugetieren heran.
Zu den zuverlässigsten Familienplanern im Zoo gehören die Koalas. Jetzt könnte man den Eindruck gewinnen, bei ihrem Dauerschlaf bringen die nichts auf die Reihe. Weit gefehlt. Wenn es um die Gunst eines Weibchens geht, werden die Männer zu kurzfristigen, aber leidenschaftlichen Liebhabern. 30 Jungtiere wurden seit der ersten erfolgreichen Koalazucht  Europas 1995 im Koalahaus des Zoo Duisburg  aufgezogen. Koalas mit dem Geburtsort Duisburg sind mittlerweile in vielen Zoos heimisch geworden.
Ein bigamistisches Leben genießt Löwenmann Tsavo, der mit zwei auswärtigen Damen vergesellschaftet wurde. Tsavo versteht sich nach anfänglichem Schnupperkontakt jetzt prächtig mit den Weibchen Manyara und Masindi. Die Löwinnen hatten zuvor ihr Quartier im französischen Lisieux aufgegeben.

Brillenbären erkunden das Gelände
Bei den Beutelteufeln stehen tägliche Aktionen auf dem Programm. Drei Teufel, die aus Kopenhagen vom Meer an den Rhein zogen, mischen die Truppe auf. Noch turbulenter geht es auf der Anlage im Gorilla-Bush zu. Die Mannschaft um Macho „Mapema“ hat mit neun Menschenaffen fast die Stärke einer Fußballelf erreicht: in Kraft und Beweglichkeit sowieso. Auf acht angewachsen ist Familie Seelöwe. Die drei weiblichen Jungtiere „Grace“, „Lucy“ und „Ally“ entpuppen sich als artistische Schwimmer mit Dauerappetit. „Grace“ ist mittlerweile in das schöne Frankreich umgezogen. Zuchtbulle „Atze“ gönnt dem restlichen Nachwuchs so manchen Happen, den er eigentlich selbst vertilgen wollte.
Mehr Farbe gekommen ist ins Becken der Riesensalamander. Mit ihrer türkis-grün gefärbten Streifenmusterung auf den Flossen locken Drachenfische, um Weibchen anzulocken. Die Rolle als Opferfische müssen sie nicht einnehmen. Die etwa 40 Tiere bewegen sich nicht nur außerhalb der Fang-Reichweite, sie sind zusätzlich noch extrem schnelle Schwimmer.
Ausgelassene Lebensfreude und waghalsige Kletterpartien gehören zum Tagesprogramm auf der Brillenbären-Anlage. Das Paar „Pablo“ und „Huanca“ hat Zwillinge gezeugt. Die kuscheligen Gesellen erobern täglich die Herzen der Besucher. Sie inspizieren an der Seite von Mama Huanca das Gelände und toben sich bei immer neuen Abenteuern aus. Zur Freude der Besucher.

 

 

 

 

Vertrauen und Wertschätzung

 

Wenn Werner Tenter nach Kiringo ruft, stakst der Giraffenbulle mit langen Schritten gemächlich in Richtung Pfleger. Für Sonderrationen an Gemüse beugt er sich tief zu seinem menschlichen Vertrauten und frisst ihm aus der Hand. Auf die täglichen Zärtlichkeiten mit seinem Schützling muss der 63-Jährige nun verzichten. Nach fast 40 Jahren Engagement im Zoo Duisburg ist der leidenschaftliche Tierpfleger in Rente gegangen. Was für den tierischen Chef in der Giraffenfamilie natürlich kein Thema ist. Längst hat sich der 19-jährige Giraffenmann und Massenvater zum Liebling der Besucher entpuppt. Wenn er seine lange Zunge akrobatisch im Maul verdreht, verzückt er seine Anhänger.  „Der Kerl weiß, wie er auf Besucher wirkt“, sagt sein Pfleger. Er sei auf Menschen geprägt. So mancher Besucher meint, dass Kiringo Zahnschmerzen habe oder sogar weine,“ erinnert sich der 63-Jährige. Werner Tenter kennt die Hintergründe: „Kiringo , der aus München an den Kaiserberg umzog, hat als Jungtier die Flasche bekommen. Wenn er mit der Zunge schnalzt, hofft er vermutlich auf zusätzliche Fressen-Rationen.“ Möhren, Kohlrabi, Sellerie oder Tomaten bekommen die Giraffen aufgetischt. Im Laufe der Jahre ist Werner Tenter aufgefallen, dass Giraffen eigentlich nie schlafen: „Sie legen sich mitunter nur zum Wiederkäuen hin.“ Kiringo ist im Prinzip ein ruhiger Zeitgenosse und sehr zutraulich. Nur, wenn eine seiner Partnerinnen „Lindani“ oder „Malindi“ heiß ist, wird er zum Draufgänger. „Dann“, weiß Werner Tenter, „müssen wir ihn getrennt unterbringen, er würde die Kuh die ganze Nacht lang treiben.“ Ein Szenario, das bei den schreckhaften Tieren schlecht ausgehen könnte.
Schon vor sieben Uhr ist der Tierpfleger im Revier. „Ich rede erst mit den Tieren, miste aus, säubere die Anlage und bereite das Futter zu.“ Die meterhoch befestigten Körbe werden mit Luzerne befüllt, die die Tiere in Selbstbedienung als stark eiweißhaltige Zusatzkost vertilgen. Wenn sich die vierköpfige Giraffenfamilie um Nesthäkchen „Najla“ im Außengehege aufhält, ziehen im Innen-Quartier lustige Gesellen als Untermieter ein. Die Hornrabeneltern „Erich“ und „Margot“ stelzen mit ihren Jungtieren über das Gelände. Die Namen verraten DDR-Vergangenheit. Margot, die Henne, erhielt ihren Namen im Prager Zoo. „Da passte Erich doch genau“, schmunzelt Werner Tenter. Der Hahn ist seit 25 Jahren in Duisburg. Die Tiere halten sich den ganzen Tag im Gehege auf, picken Löcher in manche Ritzen.  Von  krächzendem Stakkato begleitet grenzen sie ihr Revier ab.  Margot rupft auch gerne mal Federn aus dem Gefieder ihres Partners. Eine Form der Zuneigung, glaubt ihr Pfleger. In Sachen Familienplanung ist auf das Paar Verlass. Einmal jährlich wird für Nachwuchs gesorgt. Die Henne sitzt auf dem Ei, der Hahn sorgt für Futternachschub.
Werner Tenter, der Betonbauer gelernt hat, bekam im November 1978 zunächst einen Job im Affenhaus. Es gefiel ihm, er blieb 15 Jahre dort, machte seine Prüfung zum Tierpfleger. Im Laufe der Jahre lernte er als Pfleger viele Reviere kennen, betreute Luchs, Fossa, Wombat oder Kattas. Die Lemuren gehören auch zum Giraffen-Revier. In der Großfamilie haben die Frauen das Sagen. Die Männer müssen sich bei der Futterversorgung gedulden, bis die Mütter gefressen haben. Nach Zwillingsgeburten hat Werner Tenter beobachtet, dass der Nachwuchs für die Betreuung oft unter den Tanten getauscht wird. Die possierlichen und äußerst zutraulichen Halbaffen halten sich auch auf den Wegen und in den Bäumen auf. So manches leichtsinnig auf Kinderwagen deponierte Leckerchen haben sich die flinken Kletterkünstler schon geschnappt. Vertrauen, so die Erfahrung des 63-Jährigen, sei das Wichtigste im Umgang mit Tieren. Man lerne, sie zu schätzen, sie zu respektieren und erfahre eine Menge über Charaktere und Gewohnheiten.
Werner Tenter will seine Schützlinge nach dem Abschied häufiger besuchen. „Langeweile“, da ist er sich sicher, „wird nicht aufkommen.“ So muss vor allem der große Garten gepflegt werden. Und auf Tiere als Begleiter will er auch weiter nicht verzichten. „Jetzt habe ich endlich Zeit, mir einen Hund anzuschaffen und Bienen zu züchten “, freut sich der 63-Jährige auf weitere tierische Erlebnisse. Auch wenn er seine Tiere im Zoo vermissen wird, ist er nicht traurig, seinen Arbeitsplatz nach fast vier Jahrzehnten aufgegeben zu haben. Werner Tenter: „Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, ich muss nicht mehr täglich hin.“