Zoo-Tierpfleger Werner Tenter ging nach fast 40 Jahren in Rente

Vertrauen und Wertschätzung
Wenn Werner Tenter nach Kiringo ruft, stakst der Giraffenbulle mit langen Schritten gemächlich in Richtung Pfleger. Für Sonderrationen an Gemüse beugt er sich tief zu seinem menschlichen Vertrauten und frisst ihm aus der Hand. Auf die täglichen Zärtlichkeiten mit seinem Schützling muss der 63-Jährige nun verzichten. Nach fast 40 Jahren Engagement im Zoo Duisburg ist der leidenschaftliche Tierpfleger in Rente gegangen. Was für den tierischen Chef in der Giraffenfamilie natürlich kein Thema ist. Längst hat sich der 19-jährige Giraffenmann und Massenvater zum Liebling der Besucher entpuppt. Wenn er seine lange Zunge akrobatisch im Maul verdreht, verzückt er seine Anhänger.  „Der Kerl weiß, wie er auf Besucher wirkt“, sagt sein Pfleger. Er sei auf Menschen geprägt. So mancher Besucher meint, dass Kiringo Zahnschmerzen habe oder sogar weine,“ erinnert sich der 63-Jährige. Werner Tenter kennt die Hintergründe: „Kiringo , der aus München an den Kaiserberg umzog, hat als Jungtier die Flasche bekommen. Wenn er mit der Zunge schnalzt, hofft er vermutlich auf zusätzliche Fressen-Rationen.“ Möhren, Kohlrabi, Sellerie oder Tomaten bekommen die Giraffen aufgetischt. Im Laufe der Jahre ist Werner Tenter aufgefallen, dass Giraffen eigentlich nie schlafen: „Sie legen sich mitunter nur zum Wiederkäuen hin.“ Kiringo ist im Prinzip ein ruhiger Zeitgenosse und sehr zutraulich. Nur, wenn eine seiner Partnerinnen „Lindani“ oder „Malindi“ heiß ist, wird er zum Draufgänger. „Dann“, weiß Werner Tenter, „müssen wir ihn getrennt unterbringen, er würde die Kuh die ganze Nacht lang treiben.“ Ein Szenario, das bei den schreckhaften Tieren schlecht ausgehen könnte.
Schon vor sieben Uhr ist der Tierpfleger im Revier. „Ich rede erst mit den Tieren, miste aus, säubere die Anlage und bereite das Futter zu.“ Die meterhoch befestigten Körbe werden mit Luzerne befüllt, die die Tiere in Selbstbedienung als stark eiweißhaltige Zusatzkost vertilgen. Wenn sich die vierköpfige Giraffenfamilie um Nesthäkchen „Najla“ im Außengehege aufhält, ziehen im Innen-Quartier lustige Gesellen als Untermieter ein. Die Hornrabeneltern „Erich“ und „Margot“ stelzen mit ihren Jungtieren über das Gelände. Die Namen verraten DDR-Vergangenheit. Margot, die Henne, erhielt ihren Namen im Prager Zoo. „Da passte Erich doch genau“, schmunzelt Werner Tenter. Der Hahn ist seit 25 Jahren in Duisburg. Die Tiere halten sich den ganzen Tag im Gehege auf, picken Löcher in manche Ritzen.  Von  krächzendem Stakkato begleitet grenzen sie ihr Revier ab.  Margot rupft auch gerne mal Federn aus dem Gefieder ihres Partners. Eine Form der Zuneigung, glaubt ihr Pfleger. In Sachen Familienplanung ist auf das Paar Verlass. Einmal jährlich wird für Nachwuchs gesorgt. Die Henne sitzt auf dem Ei, der Hahn sorgt für Futternachschub.
Werner Tenter, der Betonbauer gelernt hat, bekam im November 1978 zunächst einen Job im Affenhaus. Es gefiel ihm, er blieb 15 Jahre dort, machte seine Prüfung zum Tierpfleger. Im Laufe der Jahre lernte er als Pfleger viele Reviere kennen, betreute Luchs, Fossa, Wombat oder Kattas. Die Lemuren gehören auch zum Giraffen-Revier. In der Großfamilie haben die Frauen das Sagen. Die Männer müssen sich bei der Futterversorgung gedulden, bis die Mütter gefressen haben. Nach Zwillingsgeburten hat Werner Tenter beobachtet, dass der Nachwuchs für die Betreuung oft unter den Tanten getauscht wird. Die possierlichen und äußerst zutraulichen Halbaffen halten sich auch auf den Wegen und in den Bäumen auf. So manches leichtsinnig auf Kinderwagen deponierte Leckerchen haben sich die flinken Kletterkünstler schon geschnappt. Vertrauen, so die Erfahrung des 63-Jährigen, sei das Wichtigste im Umgang mit Tieren. Man lerne, sie zu schätzen, sie zu respektieren und erfahre eine Menge über Charaktere und Gewohnheiten.
Werner Tenter will seine Schützlinge nach dem Abschied häufiger besuchen. „Langeweile“, da ist er sich sicher, „wird nicht aufkommen.“ So muss vor allem der große Garten gepflegt werden. Und auf Tiere als Begleiter will er auch weiter nicht verzichten. „Jetzt habe ich endlich Zeit, mir einen Hund anzuschaffen und Bienen zu züchten “, freut sich der 63-Jährige auf weitere tierische Erlebnisse. Auch wenn er seine Tiere im Zoo vermissen wird, ist er nicht traurig, seinen Arbeitsplatz nach fast vier Jahrzehnten aufgegeben zu haben. Werner Tenter: „Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, ich muss nicht mehr täglich hin.“